Dzogchen: Der ursprüngliche Zustand. Bilbao, 2009

James Low

Bilbao-Retreat 18-19. April 2009
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Transkribiert von Jo Féat, redigiert von Barbara Terris
Deutsch von Heike Drinkuth

Auszüge


…Eine der Funktionen von buddhistischer Praxis und buddhistischem Verständnis ist, dass wir anfangen, das Gespinst aus Annahmen zu erkennen, in dem wir leben. Je besser wir die Beschaffenheit dieses Gespinsts, dieses Kokons, durchschauen, umso leichter machen wir uns frei davon, und auf diese Weise werden wir von einer kleinen Raupe zu einem lieblichen Schmetterling. Wunderschön!
…In der frühen Kadampa-Schule gibt es eine Geschichte, in der ein Mönch zu seinem Lehrer geht und ihn fragt: „Mein Geist ist immer voll von schlechten Gedanken. Was kann ich tun?“ Der Lehrer antwortete: „Du musst hundert weiße und hundert schwarze Steine einsammeln. Jedes Mal, wenn du beim Praktizieren einen schlechten Gedanken hast, legst du einen schwarzen Stein vor dich hin, und bei einem guten Gedanken einen weißen Stein.“
Anfangs brachte der Schüler nur schwarze Steine zusammen, doch er machte weiter, und mit der Zeit wurden es mehr und mehr weiße Steine, so dass er schließlich nur noch weiße vor sich liegen hatte. Er suchte seinen Lehrer wieder auf und sagte: „Nun habe ich nur noch weiße Steine.“ Und der Lehrer erwiderte: „Gut, nun geh zurück und praktiziere weiter, bis du überhaupt keine Steine mehr hast.“
…Verwenden wir für unsere Welt die Metapher einer Skulptur, dann ist jedes dieser neun Yanas oder Anschauungsweisen ein Licht, das auf diese Skulptur scheint. Indem man sich den jeweils erhellten Bereich näher ansieht, zeigt sich ein bestimmter Aspekt. Man kann die Skulptur umrunden und dabei alle neun Standpunkte einnehmen; jede Ansicht ist der jeweiligen Position gemäß. Keine der Sichtweisen ist besser oder schlechter als eine der anderen, und jede offenbart etwas über uns selbst.
…Gedanken sind wie Politiker. Politiker beteuern ständig: „Schenkt mir euer Vertrauen, ich sage euch die Wahrheit. Ich werde mich für eure Interessen einsetzen!“ Nehmt euch vor diesen inneren Politikern in Acht! Beobachtet lediglich, wie Gedanken entstehen und vergehen. Genauso wie Politiker vor einer Wahl viele hübsche Dinge versprechen und danach nicht sehr viel davon umsetzen, so wirken diese Gedanken, wenn sie auftauchen, überaus ansprechend und bedeutsam – doch schon sind sie wieder fort.